Marshall&Alexander

Zwei Stimmen Himmelwärts

Der Name ist Programm. "Götterfunken" heißt das Album von Marshall und Alexander. Unter diesem, geistlichen Motto stand die Tournee des Gesangsdouos.

Marc Marshall und Jay Alexander präsentierten ihre größtenteils sakralen Lieder ausschließlich in Kirchen. AUF EINS hat die beiden klassisch geschulten Sänger bei einem ihrer Konzerte in dieser ungewöhnlichen Umgebung begleitet.

Marshall&AlexanderStefan Malzkorn

Marc Marshall und Jay Alexander sind noch auf dem Weg. Wir sind in der Kulturkirche St. Johannis in Hamburg-Altona verabredet. Das ist der Veranstaltungsort, den sich die Künstler ausgesucht haben. Vor der Kirche braust der Feierabendverkehr dröhnend die vierspurige Straße entlang. Es ist Nachmittag. Im kleinen Park bei der Kirche ist der Lärmpegel schon etwas gedämpfter. In der Kirche selbst ist es dann augenblicklich ruhig. Man ist versucht zu flüstern, mag die Ruhe nicht stören. Die friedsame Atmosphäre erfasst einen. Schnell wird klar, dies ist kein gewöhnlicher Auftrittsort. Eine Kirche ist keine austauschbare „Location“, sie ist Raum und Klangkörper in einem. Seitlich der Apsis werden ein paar schwarze Rollkoffer durch eine Tür gefahren. Ein Lichttechniker platziert Gestelle für die Beleuchtung. Viel Gelb und einige Rottöne werden an der Mauer hinter dem Altar sichtbar, es sieht warm und würdevoll aus. Durch das Kirchenschiff werden weitere Kisten gerollt. Stühle werden auf die ebenerdige Bühne vor dem Altar gestellt und Instrumente wie das Harmonium aufgebaut.

Man kann sich vorstellen, wie es klingen wird unter den hohen Rundbögen, es ist eine ganz besondere Akustik. Jay Alexander kommt als Erster in die Kirche. Er sieht entspannt aus und begrüßt die drei Musiker, die das Duo bei den Gesängen unterstützen. Die Stimmung ist gelöst. Marc Marshall trifft wenig später ein, wir sind komplett. Es werden Fotos gemacht, und die beiden scherzen mit dem Fotografen. Die Musiker Klaus Jäckle, Adrian Werum und Frank Lauber bereiten sich währenddessen auf den Auftritt vor und spielen ihre verschiedenen Instrumente wie Geige, Flöte und Klarinette an. Auch eine indische Mandoline, eine Tanpura, ist zu hören.

Marshall und AlexanderStafan Malzkorn

Eine Stunde vor Konzertbeginn betreten die ersten Zuschauer die stimmungsvoll beleuchtete Kirche. Ein bunt gemischtes Publikum strömt herein. Einige schauen sich interessiert das Gebäude an, andere schlendern bedächtig durch die Kirche.
Es herrscht eine fast zeremonielle Stimmung, die Atmosphäre ist beinahe festlich.Die 500 Sitzplätze sind mit weißen Kärtchen belegt, und pünktlich um acht Uhr ist die Kirche restlos gefüllt. Das Konzert ist schon seit einem halben Jahr ausverkauft. Vor Konzertbeginn wird gebeten, keine Blitzlichtfotos zu machen und Handys bitte auszuschalten, eine Selbstverständlichkeit in einer Kirche. Dann geht das Licht aus, es wird ganz leise. Die drei Begleitmusiker nehmen unmerklich Platz, und wie aus dem Nichts erklingen luftige Flötenklänge, schwingen hoch in die Apsis und dringen bis in den letzten Winkel des Gotteshauses. Ein wirklich himmlischer Klang. Absolutes Gänsehautgefühl überkommt einen. Das Licht wird heller und Marshall und Alexander betreten die Bühne, es wird lang anhaltend applaudiert.Schon die ersten Töne des „Ave Maria“ lassen dem Zuhörer abermals eine Gänsehaut über Arme und Rücken huschen. Besonders beeindruckend sind die perfekt zusammenpassenden Stimmen. Marcs glühender Bariton und der strahlende Tenor von Jay, die manchmal zu einer Stimme zu verschmelzen scheinen. Zwischen den Chorälen von Bach und Händel und den Arien, die das Programm abrunden, erzählen die Sänger wissenswerte Hintergründe zu den Werken, die aus vier Jahrhunderten stammen.

Nach einer viertelstündigen Pause wird es im zweiten Teil anfänglich weltmusikalisch. Ein buddhistisches Glöckchen macht den zarten Auftakt zu einem gelungenen Ausflug in alle Weltreligionen. Es folgen tibetische Gesänge, eine meditative Stimmung wird erzeugt. Die Musiker beweisen ihr Können an verschiedenen Instrumenten. Dann erklingen jüdische und islamische Lieder. Den glanzvollen Schlusspunkt setzt das fulminante„Götterfunken“. Passender kann
der Abend nicht enden. Das Publikum erhebt sich und applaudiert stehend, vereinzelte Bravo-Rufe sind zu hören und der Beifall will nicht enden. Es war ein einmaliges Erlebnis und eines der ungewöhnlichsten Konzerte, die wir gehört haben.

Vor dem Konzert baten wir Marc Marshall und Jay Alexander zum Gespräch.

Marc Marshall und Jay AlexanderStefan Malzkorn



Eure aktuelle CD heißt „Götterfunken“, wie kam es zum Namen?
MARC: Eine Freundin von uns, die auch das aktuelle CD-Cover gestaltet hat, kam auf den Namen. Das war beim Tourabschluss von der letzten, der „Try to remember“-Tour. Wir waren zwei Tage in der Nähe von Garmisch und haben uns die Köpfe heiß geredet – und auf der Rückfahrt im Tourbus ist es dann passiert.
 
Warum tretet ihr in Kirchen auf?
MARC: Es war natürlich klar, dass, wenn wir irgendwann so ein Album machen, wir dann auch auf Tour gehen und die Lieder in Kirchen vorstellen. Es ist der passende Ort, denn die Musik, die wir praktizieren, kommt aus der Kirche.
JAY: Die Idee war schon lange da. Aber bis es zur Ausführung kam, hat es dann doch einige Tage gedauert.
MARC: Diese Tour ist auch ganz anders als alles, was wir bisher gemacht haben. Der Erfolg hat uns völlig überwältigt.
 
Ist die Kirche Klangkörper oder einfach bester Auftrittsort für eure musikalische Botschaft?
MARC: Jeder hat einen anderen Bezug zu Kirche. Kirche nur als Klangkörper oder als Transportmittel zu sehen, das wäre zu einfach. Aber für jeden, der eine Kirche besucht, hat es eine ganz spezielle, persönliche Bedeutung. Das macht Kirchen immer zu einem anderen Konzertort als ein normaler Konzertsaal. Jeder Mensch hat eine andere Haltung. Die Leute kommen ab 19 Uhr und setzen sich, weil es freie Platzwahl gibt. Das heißt, die Leute sind eine Stunde vorher da und kommen schon mal runter. Das wäre bei „Stehkonzerten“ nicht machbar, ist aber für unsere Musik fast unabdingbar. Der Raum bereitet das Publikum optimal auf unsere Musik vor. In der Kirche wird eine komplett andere Stimmung verbreitet – und sie st für zwei Sänger ohne Mikrophone außerdem als Klangkörper perfekt. In der Kirche passiert etwas mit den Menschen. Der Raum hilft uns, mit einer ganz anderen Haltung auf die Bühne zu gehen.
JAY: Es ist ein ganz anderer Fokus von Seiten des Publikums auf den Künstler, aber auch von uns auf das Publikum da. Es ist reduzierter, einfach purer. Es geht nicht um Show, es geht um Inhalt. Es macht viel Spaß, in Kirchen zu singen.
Es ist fast, als ströme die Musik einfach aus einem heraus.

Sind eure Konzerte eine Art neuer Gottesdienst, ein Ritual?
MARC: Nein, das bestimmt nicht. Wir wollen ausschließlich die Musik sprechen lassen. Wenn das Publikum das so sieht, dann gut.

 
Woher holt ihr euch Inspirationen, woher kommen die Impulse?
JAY: Diese Musik hat uns seit der Studienzeit begleitet, wir mussten das einfach machen. Aber das nächste Album kann ganz anders werden. Wir gehen eher konzeptionell vor, erarbeiten uns Themen. Wenn wir auf etwas Lust haben, dann
versuchen wir, dies umzusetzen.
MARC: Man kann sich nicht nur bedienen, man muss auch manchmal abwarten, was sich entwickelt.
JAY: Man muss die richtige Haltung finden.

Wie kommt man mit den verschiedenen Sprachen klar (Italienisch, Deutsch, Latein)?
MARC: Zwar ist Deutsch unsere Muttersprache, aber wir gehen da unbeeinflusst ran und richten uns danach, welcher Sprachklang uns anspricht. Bei einigen Songs merkt man das manchmal vorher. So nach dem Motto: Das geht nur auf Italienisch.

Glaubt ihr, dass eure Musik heute wieder modern ist?
MARC: Das hat nichts mit Modernität oder Trend zu tun, das sind Emotionen, und es gibt ein großes Bedürfnis der Menschen nach Klarheit, nach Geborgenheit. Wir werden ja alle von Reizen überflutet, und das Album ist irgendwie eine Art Bremse. Das Album ist für uns etwas Bleibendes, kein normales Album, das man in die Schublade legt. „Götterfunken“ hat jetzt schon viel mehr bewegt, als wir alle gedacht haben, nicht nur als Platte, sondern vielmehr als emotionale Bewegung. Wir haben über 60 ausverkaufte Kirchen bespielt und merken dabei, es geht nicht nur um Musik, sondern vor allem um Emotion.
JAY: Es kommen viele Dinge zusammen, die Emotionen und Gefühlsregungen bei den Menschen auslösen. Einige im Publikum stehen auf während des Konzerts, die glucksen geradezu vor Glück. Gestandene Männer stehen auf und geben Laute der Freude von sich, Frauen sind verzückt, Menschen laufen Tränen runter. Das ist ganz verschieden in der Wahrnehmung. Man spürt einfach, es erreicht die Leute genau am richtigen Punkt. Wir berühren die Menschen, das tut gut. Das Feedback ist viel extremer als auf jedem anderen Konzert in den letzten zehn Jahren. Applaus ist wirklich der Lohn des Künstlers. Das war für mich vorher eine Floskel, jetzt weiß ich erst, was damit wirklich gemeint ist, man fühlt es.
 
Warum singt ihr u.a. auch buddhistische Lieder bei euren Konzerten?
MARC: Musik verbindet, und wir wollten dieanderen Religionen mit einbeziehen. Glaubenskriege sind für uns unverständlich. Gerade in der Künstlerwelt machen wir keine Unterscheide, weder nach Herkunft noch nach Konfession.
JAY: Wir wollen zeigen, dass sich vor allem die Musik der verschiedenen Religionen immer demselben widmet, der Schöpfung.
MARC: Es geht uns nicht darum, andere zu bekehren.
JAY: Es macht uns einfach Spaß, verschiedenartige Musik zu spielen und andere Kulturen kennenzulernen.

Vielen Dank für das Gespräch!

CD-Vorstellung
Marshall&Alexander: Paradisum
VÖ-Datum: 17.09.2010
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Konzert-Termine
Marshall&Alexander: Paradisum - Tour 2011
Datum Stadt Veranstaltungsort
13.03.2011 Erfurt Lutherkirche
14.03.2011 Chemnitz St.Markus-Kirche
22.03.2011 Elmshorn Nikolaikirche
02.04.2011 Stuttgart Ev.Johanniskirche am Feuersee
03.04.2011 Frankfurt a.M. Dreikönigskirche
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AUF EINS

Fotos: Stefan Malzkorn

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