Qualität aus Überzeugung
Zu einer Zeit, in der zur Begutachtung des Wertes von Musik sehr häufig nur Einschaltquoten, Popularität und andere wirtschaftliche Kriterien etwas gelten um ein „Produkt“ zu bemessen, nennt Michy Reincke sein Album:„Der Name kommt mir nicht bekannt vor“. Und so zeigt das Foto auf der Vorderseite des Covers weder den Titel, noch das Gesicht oder den Namen des Künstlers.
Dabei ist Michy Reincke in der deutschen Popmusik gewiss kein Unbekannter, sondern viel mehr ein interessantes Phänomen und Beispiel für die Haltung, dass es von einer größeren Würde zeugt einer Sache treu zu bleiben an die man glaubt, als einem vermeintlichen Erfolg hinterher zu hasten. Er ist ein lebendiger Unterhalter, der mit seinen Liedern und Auftritten - egal ob mit seiner Band oder dem Akustik-Trio - landesweit ein stetig wachsendes Publikum berührt und immer wieder begeistert.
Populäre, deutschsprachige Erwachsenen-Musik.
„Der Name kommt mir nicht bekannt vor“ ist populäre, deutschsprachige Erwachsenen-Musik. Auf dem Album paaren sich Rockmusik zeitgenössisch mit dem europäischen Sound der 60er und 70er Jahre und chansonesken Zirkusmusik-Elementen. Es ist eine neue Form von Liedern über neurotische Großstadtromanzen im Retro-Pop-Stil („Erzähl mir nicht, dass du nur tust was man dir sagt“), kulturkritischer Empörung („Wir iegen vorbei“), Liebeswahn („Hätt´ ich in meinem Kopf Hände“) und -glück (Wo man Lieder für sie singt). Eine sofort mitreißende Hymne an seine Heimat („In Hamburg ist das anders“), ein Lied des Trostes („Du brauchst keine Angst zu haben“) und Erinnerungen an erste Riten („Du brennst immer noch ein Loch in mein Herz“) nden ebenso ihren Platz darauf. Es gibt eine Cover-Version des 1968er Songs „Waterloo Road” / „Oh, Champs-Elysées“, bei der Anna Depenbusch den Chor singt und ein Lied als Anwärter auf den kuriosesten Songtitel des Jahres: „Das schönste traurige Mädchen mit der schlechtesten Laune der Welt“. Darüber hinaus
ndet man Lieder zum Mitsingen („Nur um dich tanzen zu sehen“,„Lass mich heut Nacht in der Gitarre schlafen“) oder Innehalten („Einfach so“, „Unsichtbare Riesen“).
„Popmusik hat für mich neben dem unterhaltenden Aspekt auch immer den des geistigen und seelischen Nutzens.“
Der Titel des Albums ist ja einigermaßen ungewöhnlich. Wie kam es dazu?
„Der Name kommt mir nicht bekannt vor kann durchaus als Einladung verstanden werden etwas zuoder als Au orderung den Titel mit einem Nebensatz zu vervollständigen. Zudem erinnert er auf humorvolle Art an den Umstand, dass wir in einer medial überreizten Gesellschaft leben, in der Popularität eine größere Bedeutung hat als Qualität.“
In dem Eröffnungslied „Erzähl mir nicht“ geht es um einen Mann der eine Frau nach kurzer Zeit
Flucht schlägt weil er sich selbst für zu kompliziert hält. Was inspiriert Sie zu solchen Liedern?
„Nach meinen Beobachtungen ist das Liebesleben neurotischer Großstädter ja tatsächlich nicht unkompliziert.Eigentlich will der Mann in dem Lied nur ehrlich sein, verzettelt sich aber, weil er zwar zugeben kann, emotional nicht ganz unbeschädigt durchs Leben gekommen ist, aber nicht, dass er sich verliebt hat. könnte diese Begegnung eine Szene aus einem alten Francois Tru aut-Film sein. Es sind schon so viele Liebeslieder gesungen worden und mir macht es Spaß immer wieder auf die Suche zu gehen, um auf eine Weise von Liebe zu erzählen und gängige Klischees zu vermeiden. Außerdem ist mir der Typ in demnicht völlig fremd.“
Die Lieder „Wir iegen vorbei“ und „Nur um dich tanzen zu sehen“ setzen sich kritisch mit der Unterhaltungswelt auseinander. Worum geht es da?
„Bei aller Freude, die man im Leben haben kann – und ich gehe wirklich nicht zum Lachen in den Keller ich emp nde den Zustand unserer Unterhaltungskultur als einen unhaltbaren Exzess zur Wettbewerbisierung aller Lebensbereiche und als eine Überdosis Gute Laune. Und mit dieser Einschätzung stehe ich bestimmt nicht allein. Ich versuche nur zur Wachsamkeit anzuregen, dass man z.B. die beste Musik nicht zwingend Hitparaden findet. Bei „Wir iegen vorbei“ gibt es in diesem Zusammenhang noch den Aspekt, dass Existenz vorübergehend ist. Will man das Gelingen seines einen Lebens wirklich in dieser übertriebenen nach Konsum und Kommerz ausrichten?
Zu Ihrem Song „In Hamburg ist das anders“ – ist es so?
Selbstverständlich! Es ist ja nicht nur eine Liebeserklärung an meine Heimatstadt. Die Besucher werden auch gewarnt. Nein, im Ernst. Ich bin in Hamburg geboren, meine Großeltern waren Hamburger – Hamburg etwas ganz Besonderes.
Es gibt zwar keine großen Boulevards wie in Paris und keine hohen Häuser wie in New York oder Frankfurt, aber eine Stadt in der die BEATLES geboren wurden und die so schön ist braucht nicht was die anderen brauchen. Auch keine Fußballmannschaft vom Format des FC Bayern München. Ich habe übrigens tatsächlich einen Pfasterstein aus der Herbertstraße. Die wurden vor zwanzig Jahren in einer Aktion versteigert, um die Finanzierung des „Erotic Art Museums“ zu gewährleisten.“
"Taxi nach Paris" – Segen oder Fluch?
„Aufrichtig: immer ein Segen! Das Lied und ich sind seit fast dreißig Jahren befreundet. Ich war 23 Jahre alt als ich es schrieb und für mich hat es immer noch diesen jungen Geist, ähnlich dem Phänomen, dass man sich eigentlich nie so alt fühlt, wie man der Zahl nach zu sein hat. Dass für mich und das Lied häufg eine unnötige Schubladisierung irgendwo bei „80er-Jahre-Hit-Schlager“ vorgenommen wurde scheint mir unglücklich. Ich habe überhaupt nichts gegen Schlager und Hitparaden-Musik, aber wenn ich mit dem Mallorca-Sänger verwechselt werde, muss ich einschreiten“ (lacht). „Ich bin Musiker, das beschreibt es wohl am tre endsten. Aber wenn ich erzähle, dass ich 1991 als erster und einziger deutscher Musiker die Erlaubnis erhalten habe einen Prince-Song auf Deutsch zu verö entlichen und mit der Devils Rubato Band von Tom Waits im Studio stand um meinen Song „Lass mich traurig sein“ aufzunehmen, mit Willy De Ville musiziert ,und gezecht und Tori Amos und Bob Dylan interviewt habe - wie passt das dann in die Schublade?
Das ganze Gequatsche um Coolness, Independent und Kommerzialität geht an mir eher vorbei. Es ist eh ein sehr schmaler Grat zwischen Coolness und geistiger Trägheit. Im kommenden Jahr werde ich übrigens endlich das Hochzeitsgeschenk für meinen Freund Stefan Gwildis ,einlösen und ihn und seine Frau mit einem Taxi nach Paris fahren. Vielleicht halten wir es mit der Kamera fest. Da würde sicher genügend Material für ein mehrteiliges Roadmovie bei rauskommen.“
Rintintin
Fotos: Tristan Ladwein




